Vom Nutzen des Unproduktivseins

Ich habe gelernt, meine Zeit sinnvoll zu nutzen. Produktiv zu sein. Selbst Angenehmes musste sich bei mir bislang eigentlich immer mit Nützlichem verbinden lassen.

Gestern habe ich nach 15 Jahren wieder einem alten Hobby gefrönt: Tisch-Rollenspiel. »DSA«.
Heute fällt mir auf, wie verdammt gut ich mich inzwischen auf Produktivität getrimmt habe:
Als ich den gestrigen Abend Revue passieren lasse, regt sich nämlich mein schlechtes Gewissen. Verrückt, aber mir fallen unvermittelt Zeilen aus einem meiner Lieblingsgedichte ein: »If«, vom »Dschungelbuch«-Autor Rudyard Kipling. Da heißt’s am Schluss:

»(…) füllst jede unerbittliche Minute,
mit sechzig sinnvollen Sekunden an:
Dein ist die Erde dann mit allem Gute,
und was noch mehr, mein Sohn:
Du bist ein Mann!«

Ein Mann? Neun kostbare Stunden meiner knappen Erwachsenen-Zeit hat mich gestern »Kindsein« gekostet! 540 Minuten! Sind 32.400 Sekunden!
Und was ist dabei rausgekommen? NICHTS!
War DAS sinnvoll?
Sogar meine Tochter (11) meinte gerade noch zu mir: »Papa, was ihr da gestern gemacht habt, hat sich total bekloppt angehört.«
Erst da merke ich, dass ich schon die ganze Zeit grinse. Sicher: Es war unproduktiv. Sogar vollkommen unproduktiv. Und bekloppt!
Aber sinnlos? Ich habe mich doch lange nicht mehr so wohl gefühlt, wie gestern beim Abtauchen in phantastische Welten.
Da fallen mir noch zwei weitere Zeilen aus »If« ein:

»Wenn du kannst träumen, doch kein Träumer werden,
nachdenken und gleichwohl kein Grübler sein;«

– ich hatte doch glatt vergessen, wie verdammt gut es tut, Angenehmes mit Unnützem zu verbinden.
Fortsetzung folgt!

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