Der Fluch des goldenen Käfigs

In einem womöglich gar nicht ganz so weit entfernten Land regiert ein unnahbarer Herrscher mit harter Hand. Seine einzige Freude ist es, sich an seinen Geburtstagen von seinen geknechteten Untertanen feiern und beschenken zu lassen. Denn wenigstens so kann er sich noch vormachen, ein beliebter Mann zu sein.

Als wieder einmal einer jener Geburtstage gekommen ist, tritt mit den Gratulanten auch eine Greisin vor, die das Leben in Unterdrückung und Armut alles gekostet hat: Mann, Kind, Hab und Gut. Alles, was ihr lieb und teuer war. Alles, wofür es sich zu leben lohnte.
Während sich die Frau gebeugt und gebrechlich dem Thron nähert, flüstert ein Berater dem Herrscher zu, er möge sich besser in Acht nehmen: Von der Alten hieß es nämlich, sie sei eine Hexe, könne ihn womöglich verfluchen.
Doch da sich der Machthaber längst unverwundbar wähnt und gelernt hat, nicht an Hokus Pokus zu glauben, lässt er das Mütterchen vortreten:
»Man sagt mir, Ihr wärt eine Hexe«, spricht er herablassend, »und könntet mich womöglich verfluchen. Aber ich sehe nur eine alte Frau mit krummem Rücken, die mir höchstens meine Zeit stehlen wird. Also sprecht: Was habt Ihr mir mitgebracht?«
Da hebt die klapprige Alte ihren Gehstock wie eine Lanze – und stürzt sich mit Todesmut in den grausamen Despoten. Doch alles, was dieser davonträgt, ist ein ordentlicher Kratzer und ein gehöriger Schrecken, während die Frau von der Wache niedergestreckt wird.
Als der Herrscher die Sterbende in ihrem Blut liegen sieht, gewinnt er seine Fassung zurück: »Ihr seid gescheitert, Mütterchen!« höhnt er – und fügt triumphierend hinzu: »Ich lebe!«
Doch die Alte blickt seltsam zufrieden empor, holt noch einmal tief Luft und spricht lächelnd ihre letzten Worte:
»Wer sagt denn, dass ich Euch töten wollte? Aber wenn schon ich altes Mütterchen es hätte schaffen können, wie mag es dann erst mit all den jungen Emporstrebenden sein, die Euch umgeben? Hört also meine Worte: Nicht mal mehr an Euren Geburtstagen werdet Ihr fortan noch Freude finden. Denn vor Angst werdet Ihr Euch Sicherheit mit Einsamkeit erkaufen. Dies ist mein Fluch – der Fluch des goldenen Käfigs!«

***

Wer nun glaubt, dass die Geschichte mit dem Fluch zu Ende ist, der irrt! Denn wie sich gleich zeigen wird, ist die Alte nicht annähernd so grausam gewesen, wie ihr Herrscher.
Als sich die Hand der Toten entspannt, fällt nämlich ein Zettelchen heraus – auf dem steht deutlich zu lesen:
»WIE DER FLUCH ZU BRECHEN IST!«
– kann das alles überhaupt wahr sein?! Ungläubig und wie gebannt starren der Despot, sein Berater und die Wache auf die Botschaft.
Als erstes löst sich der Wächter aus seiner Erstarrung. Vorsichtig nähert er sich der Leiche, hebt das Papierchen auf, entfaltet es, liest, stutzt – und erbleicht. Zitternd reicht er die Botschaft dem Berater. Doch auch dem verschlägt’s beim Lesen glatt die Worte, auch er traut sich nicht, mit der Sprache heraus zu rücken. Da wird der Herrscher wütend:
»Nun sagt schon, was ist es? Eine Schatzkarte, die mich zu einem heiligen Artefakt führt? Was muss ich finden, um den Fluch zu brechen?«
»N-n-nichts!«, stammelt der Berater ängstlich, »G-gar nichts!«
Da entreißt der Despot seinem Höfling ungeduldig den Zettel – und liest selbst voller Erstaunen: »Nichts braucht Ihr; geben müsst Ihr etwas…«
Er stutzt – und fährt fort, stockend, denn hier wird die krakelige Schrift unleserlich; die Botschaft aber ist eindeutig:
»Wollt Ihr den Fluch des goldenen Käfigs brechen, so gebt… den Menschen Grund… Euch… ZU ACHTEN!«

 

[Zu diesem kleinen Kindermärchen inspirierten mich Menschen vom Schlage des Despoten und ein ‚Indianer‘, der mir erklärte, dass Verfluchungen eigentlich nichts Schlimmes seien (so, wie es ja unserer westlichen Vorstellung von »Flüchen« entspricht), sondern lediglich etwas, was dem Verfluchten die Augen öffnen soll. Vielen Dank also an R. W., den »halbroten Bruder im Geiste« für die Inspiration! ;)]

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