Die Ritze-Story – eine Hommage ans alte St. Pauli vom »Blonden Hans« und Olivia Jones

– erschienen in STADTLICHH #6 nach Erzählungen von Olivia Jones und dem Blonden Hans, aufgeschrieben von Philip Militz

        Es gibt ja Menschen, die behaupten, Zeitreisen wären nicht möglich. Ich sage: Stimmt – und beweise als Olivia Jones trotzdem jedes Jahr tausenden Touristen das Gegenteil. Man muss dafür eigentlich nur die letzten Punkte im Kiez-Kosmos kennen, an denen die Zeit stehen geblieben ist.

Ein solcher Fixstern im schnell-lebigen Sankt Pauli-Universum ist die »Ritze«. Zwischen all den strahlenden Stars und Sternchen am neuen Hochglanz-Entertainment Himmel, zwischen Theatern, tanzenden Türmen und Spielhallen, ist die Hinterhof-Kneipe mit den gespreizten Frauen-Beinen von Kiez-Rubens Erwin Ross, nicht leicht zu finden.
Wahrscheinlich hat aber gerade diese geschützte Lage abseits vom Reeperbahn-Rummel dazu beigetragen, dass in der »Ritze« das ursprüngliche St. Pauli überlebt hat, ein Hauch vom blassen Glanz vergangener Tage konserviert wurde. Heute lässt sich jedenfalls nirgendwo besser in die Vergangenheit St. Paulis reisen, als dort. Und zwar am besten mit Hans Jürgen Schmitz: Mein »Blonder Hans« war nämlich schon Stammgast in der »Ritze«, bevor Promis wie Udo Lindenberg, Ben Becker, Jan Fedder und ich kamen. Ich habe Hans gebeten, die Geschichte der »Kneipe mit dem Box-Keller« für uns hier noch mal zu erzählen:

***

Wie oft bei Legenden: Auch übers wahre Alter der Ritze wird gerätselt. Der gerade nochmal um fünf Jahre verlängerte Mietvertrag ist von 1982, womit wir dieses Jahr als »kleines Jubiläum« zumindest ein 30jähriges feiern können. Die Ritze gibt es allerdings schon deutlich länger, schätzungsweise seit 1974. Nur brauchte damals eben noch keiner Verträge. Ein Handschlag hat gereicht.
Kaum jemand weiß heute noch, dass die Ritze ursprünglich »Spalte« heißen sollte (war den Behörden allerdings zu schlüpfrig!) und der vordere Teil früher das Pissoir vom »Palais d’Amour« war. Der hintere Teil der »Ritze« ist angebaut worden und war damals durch einen Vorhang abgeteilt. Nur, wer (wie ich) im Nachtleben verkehrte, hatte Zutritt.
Ritze-Wirt Hanne Kleine war vor seinem Kneipier-Leben Boxer in der DDR-Nationalmannschaft gewesen. Deshalb hatte er sich auch Mitte der 70er in die Tiefgarage unter der Kneipe einen eigenen Ring bauen lassen. Dort haben dann Boxgrößen trainiert und Kiezgrößen »diskutiert«. Damals wurde bei uns auf St. Pauli nämlich noch von Mann zu Mann gekämpft.
Die Geschäfte liefen blendend. Ich habe in Spitzenzeiten im Monat mit meinen Mädels das verdient, was damals ein Porsche 911 gekostet hat. Ein ordentlicher Zuhälter hat gerne mal Uhren und Schmuck im Wert von mehreren zehntausend Mark auf der Meile zur Schau getragen. Auch ich war oft behängt wie’n Weihnachtsbaum, als es noch sicher auf St. Pauli war.
Mit diesen ruhigen Zeiten war es jedoch Ende der 70er vorbei – auch in der Ritze: »Sachsen-Franky« haben sie beim Versuch ihn »wegzupusten« die Wangen durchgeschossen. Und Anfang der 80er stattete ein Killer »Chinesen-Fritz« einen Überraschungsbesuch durch den Hintereingang ab. Ich habe gerade gemütlich an meinem Pils genippt, als die tödlichen Schüsse fielen. St. Pauli machte so noch mehr Schlagzeilen, was natürlich die Freier abgeschreckt hat.
Mit dem Aufkommen von AIDS und Internetpornos ging das Geschäft noch weiter bergab.
Wie weit, dass haben wir spätestens 2006 gemerkt, als sich Stefan Hentschel am Haken eines Sandsacks im Ritze-Boxring aufgehängt hat. Stefan war zu besseren Zeiten eine große Nummer gewesen. Aber auch ihm ist vom Ruhm und Reichtum nichts geblieben.
Heute ist auf St. Pauli fast nichts mehr, wie’s mal war. Früher haben Frauen hier das Geld für Männer wie mich verdient. Heute verdienen Männer wie ich das Geld für »Frauen« wie Olivia. Verrückt, oder?
Für Olivia bin ich mit meinen Nostalgie-Kieztouren unterwegs, erzähle Touristen von den längst vergangenen Tagen. U. a. auch in der Ritze. Denn wenigstens dort ist vieles immer noch so, wie es immer war: Anders!
Übrigens: Olivia wäre laut einer Legende ohne die Ritze nie zu ihrer eigenen Kneipe gekommen. Endstation von Olivias Kiez-Touren war nämlich zunächst der »Ritze«-Box-Keller, wo Frau Jones ihren »Gästen« dann immer noch einen Korn ausgegeben hat. Und angeblich hat sich Olivia irgendwann mal beim damaligen Geschäftsführer beschwert, weil der Schnaps zu warm und teuer war. Antwort soll gewesen sein: »Wenn’s Dir nicht passt, mach doch Deine eigene Kneipe auf.« Zufällig ist wohl gerade was auf der Großen Freiheit frei gewesen: Der Ex-Transenpuff »Rasputin«, wo in besseren Tagen Ron Wood von den Stones und angeblich sogar Vladimir Putin verkehrt haben sollen. Heute: Die »Olivia Jones Bar«! Ob’s stimmt? Irgendwas ist ja immer wahr. Aber was, das fragt Ihr Olivia am besten selber! Auf’m Kiez kann man zwischen Seemannsgarn und Wirklichkeit kaum noch unterscheiden.

***

    Das ist sie also, Hans’ Ritze-Story! Zugleich ein Stück St. Pauli-Geschichte im Zeitraffer. Was tatsächlich stimmt: Es gab eine Zeit, in der ich wirklich geglaubt habe, mit meinen „Olivias Safari-Touristen“ ganz auf die Ritze und den Box-Keller verzichten zu können. Auf diesen Ort, an dem nicht nur die Gesetze von Raum und Zeit aufgehoben scheinen; wo selbst Schweiß und Qualm vergangener Tage nicht stinken, sondern nach Abenteuer duften, wo sogar Korn schmeckt, auch wenn er vielleicht mal zu warm ist. Glaubt Ihr nicht? Dann probiert’s selbst, so lange Ihr noch könnt. Denn auch die Ritze wird’s nicht ewig geben. Vielen eingeschossigen Bauten auf St. Pauli droht in den nächsten Jahren wahrscheinlich die Abrissbirne – ob Esso-Tanke, Silbersack oder Café Möller – die Grundstücke sind längst Gold wert. Unser Stadtteil mausert sich zum deutschen Las Vegas. Doch noch gibt es sie: Die letzten liebenswerten Schmuddelflecken auf der schon viel zu weißen Weste St. Paulis. Die matten Fixsterne im schnell-lebigen Kiez-Kosmos. So wie die Ritze. In der auch ich längst wieder halt mache. Mit meinen Zeitreisenden.

Info: Ritze-Wirt Hans Joachim Kleine starb im November 2011 nach langer schwerer Krankheit. Übernahme-Interessenten standen Schlange. Promis wie Jan Fedder und Olivia Jones machten sich dagegen für eine Weiterführung der Kult-Kiez-Kneipe durch Hannes Witwe Kirsten stark. Der Pachtvertrag wurde daraufhin um fünf Jahre verlängert und mit Olivias Hilfe inzwischen auch eine eigene Ritze-Website eingerichtet: www.zur-ritze.com.

Advertisements