»Alles anders hier« – eine St. Pauli Zeitreise mit einem der ältesten »Ritze«-Stammgäste

Eric Hofmann war einen Abend lang auf Tour mit einem echten ›Kiez-Urgestein‹ – als Hausarbeit für die renommierte »Henri Nannen«-Journalisten-Schule. Weil es viel zu schade gewesen wäre, wenn seine Übungs-Reportage in irgendeiner Schublade verschwunden wäre, habe ich mir von ihm die Erlaubnis eingeholt, seinen Text hier veröffentlichen zu dürfen. Viel Spaß beim Lesen:

Strip-Clubs, Bordelle und Diskotheken: Hans Jürgen-Schmitz kennt das Vergnügungsviertel rund um die Hamburger Reeperbahn bestens. Während er vor Jahrzehnten selbst einige Bordelle betrieb, führt er jetzt für Olivia Jones Touristen durch seine Welt.
Warum er in Untersuchungshaft saß? Hans Jürgen Schmitz schaut verwundert, steckt das letzte Stückchen Apfelkuchen in den Mund und antwortet: »Na, wegen Zuhälterei und solcher Sachen!« Doch die Zeit drängt. 28 Touristen warten bereits. Für 34 Euro pro Person wollen sie wissen, wie es in den 70ern und 80ern auf dem Kiez zuging. Die Zeit in der Hans selber einige Bordelle hatte.
»Eigentlich mache ich immer noch das Selbe wie vor 30 Jahren«, sagt er. »Damals habe ich die Mädels bequatscht, heute eben die Touris.« Für Olivia Jones führt er die Touristen heute über Hamburgs sündige Meile.
Jeder bekommt einen Aufkleber verpasst, denn Zuhörer, die nicht zahlen, mag Hans nicht. »Am liebsten würde ich diesen Typen eine runterhauen, aber ich stehe ja in der Öffentlichkeit«, sagt der 65-Jährige. So wie ein junger Mann im Anzug am Ende der Tour. Geduldig drückt Hans ihm seinen Flyer in die Hand und schickt ihn weg.
Denen, die bezahlt haben, stellt er sich kurz als »Blonder Hans« vor. Sofort will ein älterer Herr wissen, wo er denn blond sei. »Friedhofsblond«, sagt Hans, nimmt einen tiefen Zug seiner Zigarette und läuft los Richtung Reeperbahn. Vor den Touristen lässt er die alten Zeiten wieder hoch leben. Von der Disko »Past Ten« in den 60ern bis zur Davidwache mit ihrem kalten Haftkellern. »Den einen Polizisten nannten wir ›Rotfuchs‹, weil er rote Haare hatte, den zweiten ›der Schnelle‹, weil er so schnell lief und mich hatte Tarzan auf dem Kiecker. Keine Ahnung, warum der Tarzan hieß. Vielleicht hatte er ´ne lange Liane«, verkündet Hans. Das Gelächter ist ihm hier immer sicher. Viel Zeit habe er in den 70ern auf der Wache zugebracht. »Ich bin immer wieder ‚rausgekommen. Entweder war ich unschuldig oder hatte ´nen guten Anwalt«, sagt Hans. »Natürlich unschuldig«, sagen mehrere Teilnehmer der Tour gleichzeitig.
Kurz nach der Davidstraße trennt sich die Gruppe nach Geschlechtern. Die Männer ziehen mit Hans in die Herbertstraße, die Frauen nehmen eine Parallelstraße. »Frauen können alles essen, aber nicht alles wissen«, sagt Hans zum männlichen Teil der Gruppe. Der stimmt zu – nachdem die Frauen außerhalb der Hörweite sind. Der Touristenführer fährt mit Erzählungen über seine einstigen Bordelle hier fort, aber die Touristen haben ihre Aufmerksamkeit längst den Prostituierten zugewandt. Tuschelnd, kichernd und verlegene Blicke austauschend, stehen die erwachsenen Männer neben dem Freudenhaus. Die Aufregung steigert sich als Hans ankündigt, dass es jetzt in das einstige Bordell der berühmtesten Hure Deutschlands, Domenica, hineingehe und eine Domina wirklich alle Fragen beantworte. Während die Herren der Dame ins Obergeschoss folgen bleibt Hans unten und nutzt die Zeit für einen Kaffee zur Entspannung. »Ich kenne das alles schon«, sagt er gelangweilt, aber froh über die kurze Pause. Bei den Touristen sieht es anders aus. Mit teils erschrockenen, teils amüsierten Blicken mustern sie Peitschen, Ketten und die überraschend sanft sprechende Domina. »Hier gibt’s wohl die große Hafenrundfahrt?!«, fragt ein älterer Mann mit Schnauzbart und zeigt auf den gynäkologischen Stuhl neben dem schwarzen Andreaskreuz. Die Männer kichern, die Liebesdame erklärt: »Ja, bei mir ist das ein bisschen anders. Nicht ich, sondern die Männer machen hier die Beine breit.« Sie beschreibt, wie sie Managern, Ärzten und Unternehmern Nadeln setzt, die Hoden abklemmt oder mit Elektroschocks quält. Jetzt öffnen auch die letzten drei Männer ihre Schnapsfläschchen, die die Domina zuvor im Treppenhaus verteilt hat.
Vor dem Freudenhaus wartet bereits Hans, nimmt noch einen letzten Zug an der Zigarette und führt seine Zuhörer, wieder vollständige Gruppe, auf den Hans-Albers-Platz. Hier war Hans am Bordell »Chikago« (tatsächlich mit »K« geschrieben) beteiligt. Das brachte einigen Ärger mit sich, denn sein Geschäftspartner Reinhard »Ringo« Klemm wurde verdächtigt den Kiez-Killer Werner »Mucki« Pinzner mit Morden beauftragt zu haben. Während sich Ringo nach Costa Rica absetzte, floh Hans nach Brasilien und lernte dort seine spätere Ehefrau kennen.
Der Gruppe erzählt er lieber von Udo Lindenberg und Otto Waalkes, die hier die Musik-Shows genossen haben. Heute ist hier das »Frieda B«. Die erste Etage, wo Hans in den 70ern anschaffen ließ, steht leer.
»Ja, es ist alles anders hier«, sagt er seufzend und schaut finster auf den englischen Pub. »Wie die Engländer sich hier benehmen«, flucht er, als ein als Frau verkleideter Brite zur Tür hinaus torkelt. »Guck dir das nur an«, sagt Hans und beeilt sich seine Zuhörer in die Kultkneipe »Zur Ritze« zu lotsen. Bevor es durch die legendäre Eingangstür zwischen den gespreizten Frauenbeinen geht, erzählt er aber nochmal von einer anderen Dame, Domenica. »Ja, mit der war ich mal liiert«, sagt er mit sichtlichem Stolz. Vorher war sie die Freundin von Hanne Kleine, dem mittlerweile verstorbenen Chef der »Ritze« gewesen. Eines Tages soll sie jedoch Gefallen an Hans gefunden haben. »Sie hat mich gefragt, ob ich sie nach Hause fahren, obwohl sie doch gerade mal 300 Meter weiter weg wohnte«, fährt er fort. Da er ja ein Gentleman sei, habe er sie aber auch diese kurze Strecke gefahren. Es folgte mitten in der Nacht eine Einladung auf einen »Kaffee«. Die Touristen verstehen und lachen.
Jetzt geht es aber endgültig in die »Ritze«. Hans begrüßt die Kellnerin hinterm Tresen mit einer herzlichen Umarmung, die Touristen schlängeln sich über eine schmale Treppe in den Boxkeller. Staunend betrachten sie die vielen Plakate, die die Wände um den Ring zieren. In diesem selbst kämpfen gerade zwei Schwarze. Das Knallen der Fäuste sorgt für den ein oder anderen erschrockenen Blick. Bei einer Runde Korn erzählt Hans hier vom einstigen Pissoir des Palais d’Armour, das zur Kneipe mit Boxkeller wurde, wie die Kiezgrößen hier ihre Streitigkeiten noch mit Fäusten ausgetragen und nachher zusammen getrunken haben. Aber auch, dass dort in der Ecke rechts, wo jetzt der rote Boxsack hängt, im Dezember 2006 der Zuhälter Stefan Hentschel hing. »Aus finanziellen Gründen«, erklärt Hans. »Wenn es danach ging, hätte ich mich auch aufhängen müssen.«
Wieder vor der Kneipe will ein ältere Tourist mit oliv-grüner Mütze wissen, ob er denn auch heute wieder Prostituierte für sich arbeiten lassen würde. »Dafür habe ich keine Nerven mehr«, sagt Hans und winkt ab. »Man wird ja nicht jünger und die Mädels sind heute auch anders. Kommen zu spät oder gar nicht zur Arbeit und wenn mal ein Kunde kommt, sind sie auf einmal alle verschwunden. Nee, damit will ich mich nicht mehr ‚rumschlagen.« Der Tourist nickt verständnisvoll. Die Tour geht weiter über die »Große Freiheit« und endet in der »Olivia-Jones-Bar«.
Hans genießt seinen Applaus und die Kiezbummler ihren ausgegebenen Likör. »Wenn die Leute klatschen und sagen, dass es ihnen Spaß gemacht hat, dann weiß man wofür man gearbeitet hat«, sagt Hans. Doch ist es nicht nur die Anerkennung, die ihn auf den Kiez treibt. »Ich hab damals nie etwas für’s Alter getan. Nun bekomme ich natürlich keine vernünftige Rente.« Es sei ein Glücksfall gewesen, dass er einmal in der »Ritze« von einem Fernsehsender interviewt wurde. Dadurch wurde Olivia Jones auf ihn aufmerksam und jetzt kann er sich als Touristenführer etwas dazu verdienen. Den Rest der Woche arbeitet er als »Barkeeper«, nur der Sonntag sei frei.
Doch dass Hans mehr Zeit auf dem Kiez als in seiner Wohnung verbringt, belastet ihn nicht: Reeperbahn, Große Freiheit und Hans-Albers-Platz scheinen immer noch sein Zuhause zu sein. Mit Umarmung grüßt er auch heute noch zwei Zuhälter vom Eros-Center, die gerade aus ihrem gelben Gelände-Wagen steigen. »Wie laufen die Geschäfte in Berlin?«, fragt Hans kurz. »Bestens«, sagt einer der beiden Südländer grinsend. Ähnliche Gespräche führt er mit fast jedem Türsteher auf dem Kiez – meist auch ein bisschen länger. Aber heute hat Hans es eilig. Auf der gestrigen Tour hat er zwei Damen aus Düsseldorf kennen gelernt mit denen er sich gleich treffen will. »Mal sehen, was passiert«, sagt er, grinst und verschwindet Richtung Reeperbahn.

Info: Hans-Jürgen Schmitz, genannt »Der Blonde Hans«, führt donnerstags, freitags und samstags Touristen über »seinen Kiez«, buchbar über www.stpauli-tour.de

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