Braunkohle aus Wuppertal?

Erdkunde-Hausaufgabe meiner Tochter: »Stell Dir vor, Wuppertal, Gevelsberg, Schwelm und Ennepetal müssten dem Braunkohletagebau weichen – formuliere einen Brief an NRW-Ministerpäsidentin Hannelore Kraft und zeige Alternativen auf.«

Folgender Text wurde soeben trotz Lösung der Aufgabenstellung verworfen:

»Sehr geehrte Frau Kraft, hiermit protestiere ich gegen den geplanten Braunkohleabbau in Wuppertal, Schwelm, Ennepetal und Gevelsberg. Es würde völlig reichen Wuppertal auszubaggern. Dort regnet es so oft, dass sie das große Loch später prima als Stausee zur Gewinnung von Wasserkraft nutzen können.«

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Wuppertal, heut‘ bist Du mir ans Herz gewachsen!

(M)eine Antwort auf Marina Weisbands ›Ode‹ an meine Heimatstadt

Ich kenne Depressionen – ich komme aus Wuppertal? Ha! / Münster ist nur die regenreichste Stadt, weil Wuppertal von der Statistik gespült wurde? Haha! / Das Schönste an Wuppertal ist, dass man in 20 Minuten in Köln und Düsseldorf ist? Ha, haa… haaa!

Oh, Marina, ich hab’s so satt, mir ständig diese Witze anzuhören. Woher kommen nur die mitleidigen Blicke, wenn man andernorts sagt, man käme aus Wuppertal? Ich glaub’, ich weiß es: U. a. von solchen Texten wie Deiner »Ode an Wuppertal«. Ich hab’ sie gelesen. Und mich gefragt: In welchem Wuppertal bist DU groß geworden?

Du meinst, es habe sich hier nichts verändert? Wie kann das sein? Wuppertals Wandel ist doch kaum zu übersehen: Die Rathaus-Galerie, die Friedrich- und die City-Arkaden, das Cinemaxx, ein renoviertes Opernhaus, der wiedereröffnete Barmer Bahnhof, die Samba- und die Nordbahntrasse, die Schwebebahn-Strecke mit neuen Bahnhöfen, unser Zoo mit neuem Elefantenhaus und Löwengehege, die Junior Uni, ein Skulpturen Park des international bekannten Künstlers Tony Cragg und und und – ja, selbst der Umbau des Hauptbahnhofs zum ›Tor zur Stadt‹ hat begonnen. Und DU meinst, es habe sich »kaum was verändert«?

Nein, Marina, was Du schreibst, ist nicht gerecht. Glaub’ mir, ich würde Dir zustimmen. Aber ich kann es nicht.

Du meinst, Wuppertal sei »keine Stadt«, sondern »sechs Dörfer«? Es waren schon vor über 80 Jahren STÄDTE, die zusammengelegt worden sind – sonst kämen wir heut’ wohl kaum auf 350.000 Einwohner. Und überhaupt: Hat nicht jede Stadt klein angefangen? Was glaubst Du denn, was »Düsseldorf« mal war?

Du nennst Wuppertal ein »betoniertes Nest in den Hügeln« – ich frag’ noch mal: In welchem Wuppertal bist DU groß geworden?
Wir haben 650 Kilometer Wander- und 50 Kilometer Reitwege, dazu bald womöglich den längsten innerstädtischen Radweg der Welt, 40% Wald- und Parkflächen mitten im Stadtgebiet, 20 davon sind sogar Naturschutzgebiete. 21% unseres Stadtgebietes werden landwirtschaftlich genutzt. Dazu haben wir mit 4.500 Baudenkmälern jetzt schon den zweitgrößten Bestand des Landes und zudem das größte zusammenhängende Viertel mit Gründerzeitvillen. »Betoniertes Nest in den Hügeln« – das kann ich wirklich nicht gelten lassen.

Du schreibst in Deiner »Ode an Wuppertal« die einzig »schillernde Figur« sei eine »etwa 50jährige Transe« gewesen, mit »Netzstrümpfen« und «Alkoholikernase«. Mir fallen andere ›Persönlichkeiten‹ ein:

Christoph Maria Herbst aka »Stromberg«, Schauspielerin Ann-Kathrin Kramer (die übrigens sogar wieder von Berlin hierher gezogen ist), Parodist Jörg Knör, Comedian Axel Stein (der soweit ich weiß sogar immer noch hier wohnt), NDR-Moderatorin Bettina Tietjen (leider weggezogen), die Dichterin Else Lasker Schüler sowie Welt-Tanz-Star Pina Bausch (beide leider tot). ›Unser‹ Sozialrevolutionär Friedrich Engels hat die Welt umgekrempelt, Pharma-Fabrikant Friedrich Bayer sie gesünder gemacht, ›unser‹ Erfolgs-Regisseur Tom Tykwer mit Drehs im Tal und auf den Hügeln dem deutschen Film wieder auf die Beine geholfen. Jetzt mischt er sogar Hollywood auf. Polit-Urgestein Rita Süssmuth und Alice Schwarzer haben das Frauenbild revolutioniert und mit Johannes Rau haben wir einen skandalfreien Bundespräsidenten hervorgebracht.

Vom renommierten »Wuppertal Institut« wurde schon zur Nachhaltigkeit geforscht, als Klimawandel noch ein Fremdwort war. Hier wurde angeblich der TÜV gegründet und der erste Kaufhof eröffnet, die Aspirin, das erste Massen-Antibiotikum, die Raufaser-Tapete und der Staubsauger erfunden. Noch heute haben hier alteingesessene Firmen wie Bayer, Erfurt, Schmersal und Vorwerk ihren Sitz. Dazu neue, ›hippe‹ Unternehmen wie »Boros« und »Vok Dams«.

Und mal ehrlich: So hässlich und uninteressant kann’s hier auch nicht sein. Sonst wäre unsere Stadt wohl kaum ein so beliebtes Film-Motiv: »Der Krieger und die Kaiserin«, »Knocking on Heavens Door«, »Manta Manta«, »Barfuss«, mehrere Tatorte und »Das Experiment« – schon mehr als 60 TV- und Kino-Produktionen wurden hier gedreht. Der letzte Streifen, »Pina« von Wim Wenders, war sogar Oscar nominiert.

Neben unserer einzigartigen Schwebebahn haben wir mit dem »Von der Heydt Museum« und dem »Tanztheater Pina Bausch« auch zwei kulturelle Institutionen von Weltrang. Dazu Kleinkunst im TiC und Barmer Bahnhof. Ein Opernhaus, die historische Stadthalle mit Sinfonie-Orchester, das Cinemaxx, die »Wupperwände« zum Indoor-Klettern, ein Flüsschen, Talsperren und Stauseen, unseren Zoo, der immerhin als einer der landschaftlich reizvollsten Deutschlands gilt. Wuppertal ist sogar Heimspielort von 22 Bundesligamannschaften – von Volleyball bis Rollhockey. Und und und.
Verstehst Du jetzt, liebe Marina, warum ich nicht verstehen kann, wenn Du über Deine Jugend schreibst: »Wie haben wir es damals alle ausgehalten?«

Ich komm’ zum Schluss. Zu MEINEM Schluss!

DU schreibst: »Normalerweise enden meine Blogposts ja immer mit einem optimistischen, herzlichen Gedanken. Aber hier weiß ich nicht viel …«
Das ist DEIN Schluss DEINER »Ode an Wuppertal«.

Marina, MEIN Blogpost endet optimistisch: Wuppertal wird wieder kommen, glaub’ mir!

Ich kenn’s von anderen Städten mit schönem Altbau-Bestand zu fairen Mietpreisen, eigener Uni und teurer Nachbarschaft (jaja, nur 20 Minuten bis Köln und Düsseldorf!): Erst kommen die Studenten, die sich’s anderswo nicht mehr leisten konnten und dann die Kreativen. So war’s in Hamburg, auf St. Pauli und im Schanzenviertel, in Berlin auf’m Kreuz- und am »Prenzelberg«. Und hier in Wuppertal wird’s ähnlich sein. Denn unsere Stadt kann sich sehen lassen. Und unsere Uni hat gerade bei Existenzgründern und Kommunikationswissenschaftlern einen guten Ruf. Bummel’ doch mal bei einem Deiner nächsten Besuche durch die Nordstadt, auf’m Öl- und am Arrenberg, im Luisenviertel. Du wirst sehen: Die Studenten und Kreativen sind schon da!

Marina, ich weiß wirklich nicht, in welchem Wuppertal DU groß geworden bist. Jedenfalls nicht in meinem. Und vermutlich auch nicht in dem von Tom Tykwer, dem »San Francisco Deutschlands (…), verwunschen und geheimnisvoll!«. Vielleicht im Wuppertal ohne Schwebebahn? Dem, das Johann Gottfried Leipoldt 1829 gegründet hat, in Südafrika, vor lauter Heimweh?

Seit heut’ würd’ ich’s wohl fern der Heimat ähnlich machen.
Es ist nämlich eigentlich wirklich nicht schwer, unsere Stadt zu lieben.
Man braucht dafür nicht mal ein großes Herz, Marina. Offene Augen reichen!
Und Deine »Ode« hat sie mir geöffnet.

Oh, Wuppertal, heut‘ bist Du mir ans Herz gewachsen.
Ich hatte ganz vergessen, wie schön Du bist.
Danke, Marina! ;)
___

[Marina Weisband wurde vor allem als politische Geschäftsführerin der Piraten-Partei bekannt. Sie stammt aus Kiew, wuchs in Wuppertal auf, studiert in Münster u. a. Psychologie – und schreibt ein Blog, in dem sie über alles mögliche schreibt – leider auch über Wuppertal. ;)]